Montblanc-Rundweg vom 15. - 22. August 2009

AddThis Social Bookmark Button

Montblanc-Rundweg - Reise 6727T

Vom 15. - 22. August 2009 - Reiseleitung: Pierre Pisano

Den Montblanc nicht besteigen, sondern umrunden? Statt fast fünftausend Höhenmeter, nur zweieinhalbtausend? Für mich Mittelgebirgswanderer war das schon genügend Herausforderung und die Motivation mich zur Reise anzumelden. Und? Was hab ich dann davon gehabt? Eine ganz
wundervolle Wanderwoche!

Mont Blanc Rundweg


Das Montblanc-Massiv lag in dieser Augustwoche fest im warmen Griff eines Hochdruckgebiets. Das hieß: Sonne von morgens bis abends und strahlend blauer Himmel vor einem faszinierend bizarren Alpenpanorama aus frostig dreinschauenden Gletschern und schroff gezackten Schneegipfeln. Nur ein paar einzelne Schäfchenwolken waren noch da oben im Blau, die meisten grasten gemütlich als Schafherden auf den Hängen. Eingerahmt wurde diese hochalpine Hochsommerwoche durch je einen Abend und eine Nacht im französischen Städtchen St. Gervais les Bains: im Ortszentrum Cafés, Brasserien, Lädchen mit den kulinarischen Spezialitäten der Region und das Hotel Maison Blanche in dem wir untergebracht waren - klein, nett, sauber mit freundlichem Service und guter Küche. Gut, um sich zu treffen und einzustimmen, und gut, um am Ende der Wanderung die Beine zu entspannen.

Mit den Konstanten anfangen oder mit den Unterschieden? Mit den Konstanten. Das war natürlich der Berg, den wir umrundeten – der Montblanc selbst wirkt aus der Ferne fast harmlos: eine mild geschwungene Schneekuppe, um so wilder die zackigschroffen Gipfel um ihn herum, die, übelgelaunten Leibwächtern gleich, aufdringliche Besucher abwehren. Eine Konstante war auch das täglich wiederkehrende Mittagspicknick mit Käse, Würsten und Broten, mit Obst, Gemüse und Schokolade und alles schön aus der Region – drei Sterne hat es verdient! Und das waren die Berghütten und Gasthöfe, die Mehrbettzimmer und Matrazenlager – und das Abduschen der Wandermühe. Das waren die Quellen und Brunnen am Weg zum Auffüllen der Wasserflaschen. die kleinen Pausen am Wegesrand und die Möglichkeiten, unterwegs in kleinen Gasthöfen einzukehren. Und die gut in den Tagesablauf eingepassten Teilstrecken in Bus oder Großraumtaxi. Und auch die unsichtbaren Helfer, die im Hintergrund unser Gepäck stets zuverlässig und ohne Schaden zur nächsten Hütte transportierten. Und damit komm ich zur eigentlichen Konstanten der Wanderwoche, zu dem, der all dies zusammengehalten hat – zu Pierre, unserem Bergführer.

Mittagspicknick mit Käse, Würsten und Broten, mit Obst,  Gemüse und Schokolade und alles schön aus der Region – drei Sterne hat  es verdient!

An dieser Stelle müsste nun ein Epos folgen, ein Jubellied auf Pierre. Vorzugsweise mit pfeifenden Murmeltieren instrumentiert, den Takt gibt das Klickklack von Wanderstöcken auf Steinen. Aus Platzgründen hier aber nur der Refrain: „Rund um den Berg mit dem Pierre / das Wandern fällt uns
gar nicht schwer“. Der Inhalt der Liedstrophen kurz zusammengefasst: Pierre kennt die Berge und Gipfel alle persönlich, hat sie alle umrundet bestiegen und überquert, allein von seinen einzelnen Montblanc-Besteigungen handeln über 50 Strophen. Weitere Strophen beschäftigen sich mit seiner ruhigen Art, lange und kräftezehrende Auf- und Abstiege zu bewältigen und wie er mit diesem Rhythmus noch jeden den Berg rauf und runter bekommen hat. Mehrere Strophen widmen sich seinem Wissen um die Bergwelt – Flora, Fauna, Menschen und Kultur. Genauso lang die Passagen über sein Organisationstalent, sein sich Kümmern, wo es notwendig ist, und freien Lauf lassen, wo es gewünscht ist. Das Zentrum des Liedes widmet sich aber seinem Picknick. Picknickbeschreibungen sind in den Chorwerken der abendländischen Musik sträflich vernachlässigt, kein Wunder, bedarf es dafür doch besonders detailreicher und farbenfroher Beschreibungen der vielfältigen Zutaten und ihrer Eigenschaften. Man stelle sich vor, wie die kraftvoll gesungenen Texte über die Berghänge wehen, wie der Geruch des Kräuterschinkens. Zurück bleibt ein Nachklang, ein sanftes Echo, wie der Geschmack des Ziegenkäses auf dem Gaumen. Das Jubellied ist derart lang, dass bisher niemand die letzten Strophen gehört hat, dazu ist der Montblanc-Rundweg einfach nicht lang genug.

Genug gejubelt und genug auch von den Konstanten, sonst entsteht noch der Eindruck, alles hab sich tagein-, tagaus wiederholt, sei vielleicht sogar austauschbar gewesen. Dabei waren es doch die Unterschiede, die den Reiz ausmachten. Zum Beispiel? Einzigartig war die Abendessensorganisation auf der Elisabetta-Hütte im italienischen Aostatal: hier herrscht preussische Disziplin und Signalglocken geben den Takt vor. Dreissig Minuten vor Abendessen unter dem scheppernden Schlag der Signalglocke den Speisesaal räumen, beim nächsten Läuten wieder tischweise eingewiesen werden, zügig die Getränkebestellungen abgeben, die zugewiesene und streng gemessene Suppe auslöffeln, Suppenteller auf Anweisung zusammenstellen, den Hauptgang dankbar entgegennehmen, Fleisch und Kartoffelbrei geniesen, aber nicht zu ausführlich, denn bald läutet die Glocke erneut und der Speisesaal wird wieder geräumt, erst von Gästen, dann von Geschirr. Wer braucht schon länger als 30 Minuten zum Abendessen? Und wer denkt bei Hütten an Romantik? Naja, sie war halt ein wenig skurril, die Elisabetta-Hütte, aber wunderbar am Fuß eines der Montblanc-Gletscher gelegen und schon allein deshalb eine Nacht wert.

Elisabetta Hütte


A propos Gletscher: jeder der Gletscher rund um das Montblanc-Massiv hat seine Eigenart. Einer hat sogar ein eigenes Fenster: der Trient-Gletscher und das Fenetre d'Arpette. Gut akklimatisiert und mit trainierten Beinen begannen wir am vorletzten Wandertag den längsten Aufstieg der Woche – rund 1200 Höhenmeter. Am Anfang ein wunderbaren Bergwald, bald ein baumloser Hang, eine Passage durch zusammengewürfelte Felsblöcke, ganz oben, wie ein Fenster in den Berg geschnitten, unser Ziel, der Pass, das Fenetre d'Arpette. Ein Fenster? Das verspricht Aussicht und so war es auch: Aussicht auf den Trient-Gletscher, dem man am Pass unvermittelt gegenüber steht. Ein Riese, der sich langsam im Schlaf wälzt, sich eine Kuhle in den Berg gewühlt hat. Schrundige, runzelige Haut mit Felsbrocken gepierct. Und da: Wie Zähne in einem alten Maul, fünf blau schimmernde Eisklippen – haushoch, schräg gestellt und schief wie sie sind, werden sie bald ausfallen und ins Tal donnern, vielleicht schon während unseres Picknicks?

Aiguille du Tour und  Trient-Gletscher von Fenetre d'Arpette

Schon bezeichnend, dass es immer wieder auftaucht: das Picknick. Schnell noch ein paar andere Eindrücke. Täglich gingen wir über die Baumgrenze. Bäche, die gerade noch durch moosige Rinnen murmelten, poltern nun durch blankes Geröll. Kein Baum mehr, der die Sicht in die Ferne verstellt. Kein Baum mehr, der die Berghänge weichzeichnet. Und die zeigen sich in ihrer ganzen Vielfalt. Denn ein Reiz der Montblanc-Umrundung sind sicher die unterschiedlichen Gesteine, aus denen das Massiv gebildet ist. Spitze, helle Kalkklippen und schwarze, schmale Schieferplatten und graubrauer, geblockter Granit mit leuchtend grünem Bewuchs und und und: Alles, was zwischen den julischen und den Seealpen zu finden ist, bietet das Montblanc-Massiv in einer Art Zusammenfassung. Bis hin zu weißfunkelndem Marmor am Weg. Und wie es sich für die Alpen gehört, ist alles wild durch einander gewirbelt, biegen sich die Gesteinsschichten an manchen Stellen fast schon senkrecht in den Himmel.

Überschritten haben wir in schöner Regelmäßigkeit nicht nur die Baum-, sondern auch Landesgrenzen - und welcher Wanderurlaub führt in so kurzer Zeit schon durch drei Länder? Doch egal, ob Frankreich, Schweiz oder Italien, überall fanden wir ihn, überall, wo wir hinkamen, wartete er schon auf uns, er war unser ständiger Begleiter und – mal ganz ehrlich – man musste ihn einfach mögen, den Käse. Ziegenkäse, Kuhkäse und Mischungen daraus, Frischkäse, jahrelang gereifter Hartkäse und alle Zwischenstufen – sie alle fanden sich immer wieder auf dem Tisch in den Hütten und Gasthöfen unterwegs und vor allen Dingen zum Picknick! Aber das hatten wir ja schon.

Käse,  Käse...

Eine mildere Note, als durch manchen Käse, bekamen die Tage durch Bäche und klare Bergseen (so kann man in den See des schweizerischen Champex die Füße baumeln lassen oder sogar kurz eintauchen). Und was war noch? Ach ja, die Tiere! Grasende Schafe, die ihr akurat eingezäuntes
Weideviereck perfekt ausfüllen und damit weithin signalisieren, dass bei ihnen alles in Ordnung ist. Vereinzelt begegnet man gepäckbeladenen Maultieren (doch, die traditionelle Alternative zum motorisierten Gepäcktranksport hat überlebt) und reitenden Schafhirten. Und täglich grüßt das
Murmeltier! Nur die Steinböcke, die haben sich wegen der Hitze weiter nach oben in Eis und Schnee verzogen.

Von dort oben haben sie dann sicher auf uns runter geschaut und sich ihren Teil gedacht. So wie wir uns am Blick ins Tal erfreut haben. Manchmal ein so lieblich-süßer Anblick, dass eine Mitreisende dafür den Begriff Teletubbie-Land gefunden hat. Dabei können auch Berge trauern, zumindest machte einer den Eindruck, als wäre er mit Tränensäcken übersäht. Nun ja, Geologen sehen dies weniger dramatisch und nennen den durch Rutschungen unter der Vegetationsdecke hervorgerufenen Effekt Solifluktion, aber Geologen haben ja auch eher ein behämmertes Verhältnis zu Bergen.

Eins noch zum Schluss: Vielleicht findet es ja jemand blöde, dass wir vom Montblanc-Rundweg nur die Hälfte gelaufen und den Rest gefahren sind. Aber, hey, wir sind die schönere Hälfte gelaufen. Und wer will, der kann ja stattdessen auch den Montblanc-Ultramarathon laufen, nur zu!

Sehr, sehr schade, das nach sieben Tagen die Wanderwoche und der Urlaub rum waren. Wer dies nach meiner Beschreibung nicht glaubt, dem empfehle ich, sich einen eigenen Eindruck von der Reise zu verschaffen und zwar bei nächster Gelegenheit. Es lohnt sich. Schon allein wegen dem
Picknick ...

Hannes Wirth

Montblanc-Rundweg mit Wikinger Reisen